Hügel rauf, Hügel runter

Der Plan

War nix mit dem ersten dreistelligen Ritt in Nordirland. Hatte mir im Laufe der Woche fest vorgenommen, entweder am Samstag oder Sonntag die erste dreistellige Tour mit 100+ Kilometern zu fahren. Es fehlen die 120 Kilometer Touren zum Eishaus und über die Dörfer zurück. Der liebe Gott muss meinen Plan geahnt haben, drehte sich in meine Richtung, lachte hämisch und murmelte irgendwas von “Dem werd ich die 100 Kilometer Tour ordentlich vermasseln, dem Sack!”.

Der Tag vorm Sturm

Samstag morgen aufgestanden, kurz den kleinen Zeh an die frische Luft gehalten und den Plan mit der Tour für den Tag beerdigt. Der Zeh stand bereits morgens um 8 knöcheltief im Wasser, wurde aber von einer steifen Brise direkt wieder trocken geföhnt. Temperatur war das einzige, was vielversprechend war für den Tag. Um die 8 Grad Celsius liessen hoffen. Und so wurde der vormittag mit Blick auf die Wettervorhersage verbracht, wartend auf ein Fenster was einen halbwegs akzeptablen Ritt ermöglichte. Auch hier lachte der liebe Gott hämisch, und von einem 4 oder 5 Stunden Fenster für die Tour war nichts zu sehen. Der Wind blies mit moderaten 50-60km-h durch die Straßen und der Plan die Tour am Samstag zu fahren wurde am frühen Nachmittag beerdigt.

Der Tag im Sturm

Sonntag morgen, selbe Prozedur. Kleinen Zeh an die frische Luft gehalten und mal gefühlt was so gehen könnte. Der Wasserstand war nicht mehr ganz so hoch, die Temperatur dafür 3 Grad kühler und der Wind…leck mich am Arsch…der Wind brachte Mülltonnen zu einem ungewollten Spaziergang. Von einem ruhigen Fenster war in der Vorhersage ebenfalls nix zu sehen, aber ich musste aufs Rad. Also Powerbank an die DI2 geklemmt, Luftdruck justiert und dann ging die Post ab. Die ersten Kilometer schlängelte ich mich durchs City Center von Belfast in Richtung des Comber Greenways. Eine, im Prinzip, dem alten Bahndamm in Unna ähnliche Geschichte. Schicker, schneller Asphalt, wenig Beeinträchtigung durch anderen Verkehr, hier und da mal ein verblüffter Fuchs auf dem Weg der sich fragt was der Typ aufm Rad da so hechelt und die üblichen zwei- und vierbeinigen Hindernisse. 11 Kilometer an Strecke ist der Comber Greenway lang, könnte Teil meiner neuen Hausrunde hier in Nordirland werden.

Der Greenway führte mich nach…..tadaaaaaa….Comber. Ein kleines, schmuckes Nest. Ich hätte beinhahe gesagt “verschlafen”, aber ganz so trostlos ist es dann doch nicht. Im, ich vermute mal, Zentrum, gab es eine kleine Parkanlage die besichtigt wurde. Kaffee war noch nicht dran zu denken, hier öffnen die Läden sonntags erst um 13 Uhr. Eine nähere Erkundung hab ich mir dann mal geschenkt, das Navi auf das nächste Ziel, die Marina in Bangor, gerichtet und die 18 Kilometer Distanz fluchend in Angriff genommen. Fluchend aus gutem Grunde. Ich erwähnte ja eingangs die “milde Brise” die hier wehte. Was von der Haustür aus in Richtung Comber noch ein angenehmes Drücken von hinten war, verwandelte sich nun in eine Wand aus Beton in die man fuhr. Windböen von der Seite und schräg von vorn, gemischt mit den ersten Regentropfen die mich eine Weile begleiten sollten und die Sonne warf kommentarlos das Handtuch und machte sich vom Acker.

Auf dem Weg nach Bangor gab es aber beeindruckende Panoramen, Erinnerungen an Touren durchs Münsterland wurden wach. Endlose Weite, Felder bis zum Abwinken und alle paar Kilometer mal ein Häuschen. Viel zum Genießen und gut für die Seele, jedoch wurde das landschaftlich schöne Panorama von einem laut fluchenden Deutschen zerstört, der sich lauthalt und mehrsprachig über die vorherrschende Windrichtung und -stärke beklagte. Also alles wie immer hehe. Haaaalt, einen Unterschied zum Münsterland gab es doch. Hügel reihte sich an Hügel, es ging bergauf und noch mehr bergauf, dann kurz bergab nur um direkt darauf wieder bergauf zu radeln. Ich war von der Anzahl der Hügel arg überrascht, hatte eher was flaches erwartet. Aber gut, umkehren war keine Option und so ging Kilometer um Kilometer ins Land und Bangor kam immer näher.

Bangor selbst erreichte ich bei eitlem Sonnenschein und einem Wind, der sich gefühlt wie ein Strahltriebwerk einer 747 anfühlte. Meine bis dahin überwiegend gute Laune (von einigen Steigungen mal abgesehen, an denen geflucht wurde dass ein Pfaffe nen Exorzisten herbeizitiert hätte) wich langsam der beklemmenden Erkenntnis, dass ich jetzt gute 26 Kilometer in den Wind bei Böen um die 70km-h vor mir habe. Angstschweiss perlte von der Stirn, auch die Versuche die Panik mit einem Stück leckeren Gebäck und heissem Kaffee einzudämmen schlugen allesamt fehl und es ging mäßig begeistert gegen die Hauptwindrichtung aus Südwest. Letze traurige Blicke wurden auf Bangor geworfen, dessen Marina langsam aber sicher am Horizont verschwand. Andererseits…wir wollen ja im Frühjahr nach Bangor ziehen, das linderte den Abschiedsschmerz ein wenig. Bangor and und für sich ist wunderschön, Meer und Strände vor der Haustür…kann man aushalten hehe.

Der Rückweg

Auf in Richtung Südwest, in die Sturmböen. Über Stock und Stein ging es auf einer Art Trail an der Küste entlang mit mehreren Stops um den Blick aufs Meer zu genießen. In Richtung Meer gab es strahlenden Himmel, aus Richtung Belfast schoben sich die Regenwolken im Stechschritt in die Richtung des strahlenden Himmels…und mir. Also die Stops auf ein Minimum begrenzt und versucht so flux wie möglich in Richtung Heimat zu kommen. Ist nur leider leichter gesagt wie getan, wenn dich ne 70km/h Böe frontal erwischt, dann kannst du strampeln wie du willst…der Tacho nagte gerade mal so knapp über der 10km/h Marke. Kettenblätter wurden rauf- und runtergeschalten, ein “effektives” Vorwärtskommen war stellenweise unmöglich und ich dümpelte mit unglaublichen 6-8 Kilometern die Stunde in die Sturmfront. Und selbst das war schon extrem kraftraubend. 

Als “Belohnung” für die Qual gab es zwischendurch immer wieder schöne Locations, die ich im Sommer gerne mal heimsuchen würde. Die Strände im Juli und August sollten ein Hochgenuss sein. Vermutlich überfüllt wie in Malle, aber ich lass mich gern positiv überraschen hehe. Und es hat ja einige dieser Strandabschnitte zwischen Belfast und Bangor, da wird sich schon ein schickes Plätzchen finden lassen. Wollte bei dem Wetter gestern nicht unbedingt ein Picknick am Strand veranstalten und quälte mich weiter in Richtung Belfast. Von Schutz vor dem Wind war weit und breit nichts zu sehen, dank der offenen See blies der Wind non-stop von schräg vorn und die digitale Tachonadel fror bei um die 10km/h ein. Viel schneller war ned möglich, dementsprechend lang zogen sich die 26 Kilometer bis zur Haustür hin.

Unterwegs noch diverse Artilleriegeschütze am Grey Point Fort begutachtet und mich darüber gewundert dass bei diesem Wetter so viele Leute auf den diversen Golfkursen zu finden waren, an denen ich vorbei schlich…aber Golf geht scheinbar immer. Auch wenn die Flugbahn des Balles bei dem Wind komplett unvorhersehbar war. Langsam kam Belfast in Sicht, die Kräne der H&W Werft tauchten am Horizont auf und eine kleine Begegnung mit der Armee gab es auch noch an den Kinnegar Army Barracks. Militärisches Gebiet, mit einem Hinweis das widerrechtlich passierende Fahrzeuge am Checkpoint zurück geschickt werden würden. Navi beharrte aber darauf, dass ich diese Straße nehmen sollte. Also frisch, fromm, fröhlich und frei mal direkt an die Wachstube gefahren was von den dort sitzenden Soldaten bemerkt wurde. Sind dann auch gleich im Zweierpack mit Maschinengewehren aus der Tür getreten und fragte nach meinem Begehr. Kurz erklärt, ob und wie ich denn jetzt auf der Straße weiter in Richtung Belfast kommen könnte und nettweise winkten die beiden mich durch. Also mit dem Rad an den Barracken vorbei, konnte dem Versuch widerstehen Bilder von den Anlagen zu machen und schlußendlich wieder im Zentrum von Belfast angekommen….völlig fertig vom Strampeln in die Windböen. Die letzten 3 Kilometer nach Hause taten einfach nur weh…

Der Rückblick

Da ich ja immer noch auf einer Scuhe nach einer Hausrunde bin, die gefahrene Runde mit 65 Kilometern war nicht schlecht und schön zu fahren…wenn nicht gerade ein Sturm durch die Lande zieht. Ansonsten waren viele schöne Stellen auf der Tour, leckere Ausblicke auf endlose Felder und Seen/Loughs, viel Strand und Sand und Gestein. Gab stramme 774 Höhenmeter auf der Runde, da kommt das Münsterland nicht mit hehe. Glaube auf der Drensteinfurt-Runde lag ich deutlich drunter, sehr deutlich sogar. 

Runde also gut, Wind war extrem beschissen auf der Rückfahrt und die restlichen geplanten Kilometer nach Carrickfergus und zurück (damit die 100 Kilometer voll werden) mussten abgeblasen werden da ich wahrscheinlich auf dem Rückweg (erneut in den Sturm) vom Rad gekippt wäre hehe.

Ein paar Eindrücke

 

 

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